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Seite 1: Geschichte und Merkmale des Expressionismus (diese Seite) Seite 2: Ausgewählte Vertreter und Bildbeschreibungen: Franz Marc, August Macke
Das Bild "Tierschicksale" von Franz Marc zeigt eine Landschaft mit Tieren, deren Umrisse sich aus abstrakten und geometrischen Formen zusammensetzen. Es scheint, als ob sich die Tiere mit aller Macht gegen etwas aufbäumen, was ihnen jemand angetan hat. Vielleicht ist der Mensch die Ursache für ihre Situation? Die Geschichte des Expressionismus, Kapitel eins: Der Fauvismus Im Herbst 1905 zeigten an der berühmten und jährlich stattfindenden Kunstausstellung im Pariser "Salon" junge Maler neue Bilder, die die Öffentlichkeit genauso schockierten wie die der ersten Impressionisten-Ausstellung im Jahre 1874. Ein Kritiker bezeichnete die Künstler als "les fauves ("die wilden Tiere"), da sie grelle, schreiende und für das Publikum ungewohnte Farben einsetzten, die französischen "Fauvisten" hatten ihren Namen. Sie lehnten den Impressionismus ab und verstärkten die Ausdrucksmittel von Malern wie Vincent van Gogh (1853-1890) oder Paul Gauguin (1848-1903) in hohem Maße. Sie verwendeten schrille und unrealistische Farben, Häuser erschienen plötzlich in sattem Grün und Bäume in flammenden Rot. Der Fauvismus war eine Auflehnung gegen etablierte Kunstvorstellungen. Wichtige Vertreter waren: Henri Matisse (1869-1954), André Derain (1880-1954) und Georges Rouault (1871- 1958). Die Fauvisten entdeckten auch die Formen der afrikanischen Plastiken und Masken, welche sie in ihren Gemälden einarbeiteten, z. B. bei Amedeo Modigliani (1864-1920). Kapitel zwei: Die Brücke (>Gemäldegalerie von Kevin Christian) In Deutschland schloss sich ebenfalls im Jahre 1905 in Dresden eine Gruppe von Architekturstudenten zur Künstlergemeinschaft "Die Brücke" zusammen. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938), Karl Schmitt-Rottluff (1884-1976), Erich Heckel (1883-1970) und Fritz Bleyl. Später gehörten der Gruppe auch Otto Mueller (1874-1930), Max Pechstein (1881-1955) und kurzzeitig Emil Nolde (1867-1956) an (Chronologie). Wie die Fauvisten lehnten die Brücke-Maler die etablierten Vorstellungen des 19. Jahrhunderts ab und stellten - beeinflusst durch den norwegischen Maler Edvard Munch (1863-1949) - neben Schönem auch Hässliches, neben Liebe Hass, neben Leben Tod dar (siehe E. Munch "Der Schrei", 1893). Bei Kirchner sind die Formen stark vereinfacht, sie schildern das hektische Leben in der Großstadt oder stellen in bizarren Farben das Hochgebirge dar. "Immer war mein Ziel: einfache große Formen und klare Farben, mit diesen beiden Mitteln das Empfinden geben, das Erlebnis (...) Geben wollte ich den Reichtum, die Freude des Lebens, wollte die Menschen malen in ihrer Tätigkeit, in ihren Festen, in ihren Empfindungen zueinander und miteinander. Die Liebe gestalten wie den Hass." (L. Kirchner, entnommen aus: H. Richter, 1997, S. 21 f.) Emil Nolde und Max Pechstein reisten nach Neuguinea, während Otto Mueller an Zigeunermotiven Gefallen fand. Schon die Fauvisten waren durch die Kunst der Naturvölker beeinflusst worden, z. B. Paul Gauguin mit seinen Südseebildern. Kirchner entdeckte im Berliner Völkerkundemuseum die afrikanische und ozeanische Kunst, die sich in seinen Holzschnitten wiederfand. Im Jahre 1913 wurde die Brücke-Vereinigung aufgrund von Meinungsverschiedenheiten der Künstler aufgelöst. Kapitel drei: Der Blaue Reiter Im März 1909 gründete sich die "Neue Künstlervereinigung München" mit dem vorrangigen Ziel, Kunstausstellungen zu organisieren. Erster Vorsitzender war der Russe Wassily Kandinsky (1866-1944) und zweiter Vorsitzender sein Landsmann Alexej von Jawlensky (1864-1941). Im Jahre 1911 kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten über künstlerische Auffassungen - für manche waren die Bilder Kandinskys zu abstrakt. Daraufhin erklärten Kandinsky und Marc ihren Austritt. Sie schlossen sich zu einer neuen Künstlergruppe zusammen, die sie "Der Blaue Reiter" nannten. "Den Namen 'Der Blaue Reiter' erfanden wir am Kaffeetisch in der Gartenlaube in Sindelsdorf. Beide liebten wir Blau, Marc - Pferde, ich - Reiter. So kam der Name von selbst." (W. Kandinsky, in: H. Richter 1977, S. 27)
Einen wesentlichen Einfluss auf die Kunsttheorien des "Blauen Reiters" hatte das 1910 erschienene Buch Kandinskys "Über das Geistige in der Kunst" (siehe Lit.). Den Maler verband eine große geistige Nähe und später auch eine Freundschaft zu dem Komponisten Arnold Schönberg. Er versuchte, eine enge Beziehung zwischen der Malerei und der Musik herzustellen. So wurde er immer wieder durch Konzerte des Komponisten zum Malen seiner drei Gruppen von Bildern angeregt: Die "Impressionen" als äußerer Eindruck von der Natur, die "Improvisationen" als Ausdruck spontaner, innerer Regungen und die "Kompositionen", die nach einem langen inneren Prozess des Schauens entstehen . In dem Kapitel "Wirkung der Farbe" begründete er die Notwendigkeit des geistigen Elementes in der Kunst: "Wenn man die Augen über eine mit Farben besetzte Palette gleiten lässt, so entstehen zwei Hauptresultate: 1. Es kommt eine rein physische Wirkung zustande, d.h. das Auge selbst wird durch Schönheit und andere Eigenschaften der Farbe bezaubert. Der Schauende empfindet ein Gefühl von Befriedigung, Freude, wie ein Gastronom, wenn er einen Leckerbissen im Munde hat. Oder es wird das Auge gereizt, wie der Gaumen von einer pikanten Speise (...) Nur die gewohnten Gegenstände wirken bei einem mittelmäßig empfindlichen Menschen ganz oberflächlich. Die aber, die uns zum ersten Mal begegnen, üben sofort einen seelischen Eindruck auf uns aus. So empfindet die Welt das Kind, welchem jeder Gegenstand neu ist. Es sieht das Licht, wird dadurch angezogen, will es fassen, verbrennt sich den Finger und bekommt Angst und Respekt vor der Flamme. Dann lernt es, dass das Licht außer feindlichen Seiten auch freundliche hat, dass es die Dunkelheit verscheucht, den Tag verlängert, dass es wärmen, kochen und lustiges Schauspiel bieten kann. Nach der Sammlung dieser Erfahrungen ist die Bekanntschaft mit dem Lichte gemacht, und die Kenntnisse über dasselbe werden im Gehirn aufgespeichert. Das stark intensive Interesse verschwindet, und die Eigenschaft der Flamme, ein Schauspiel zu bieten, kämpft mit voller Gleichgültigkeit gegen sie. Allmählich wird auf diesem Wege die Welt entzaubert. Man weiß, dass Bäume Schatten geben, dass Pferde schnell laufen können und Automobile noch schneller, dass Hunde beißen, dass der Mond weit ist, dass der Mensch im Spiegel kein echter ist. Und nur bei einer höheren Entwicklung des Menschen erweitert sich immer der Kreis derjenigen Eigenschaften, welche verschiedene Gegenstände und Wesen in sich einschließen. Bei hoher Entwicklung bekommen diese Gegenstände und Wesen inneren Wert und schließlich inneren Klang. Ebenso ist es mit der Farbe, die bei niedrigem Stand der seelischen Empfindsamkeit nur eine oberflächliche Wirkung verursachen kann, eine Wirkung, die bald nach beendigtem Reiz verschwindet. Aber auch in diesem Zustand ist diese einfachste Wirkung verschiedener Art. Das Auge wird mehr und stärker von den helleren Farben angezogen und noch mehr und noch stärker von den helleren, wärmeren: Zinnoberrot zieht an und reizt, wie die Flamme, welche vom Menschen immer begierig angesehen wird. Das grelle Zitronengelb tut dem Auge nach längerer Zeit weh, wie dem Ohr eine hochklingende Trompete. Das Auge wird unruhig, hält den Anblick nicht lange aus und sucht Vertiefung und Ruhe in Blau oder Grün. Bei höherer Entwicklung aber entspringt dieser elementaren Wirkung eine tiefergehende, die eine Gemütserschütterung verursacht. In diesem Falle ist 2. das zweite Hauptresultat des Beobachtens der Farbe vorhanden, d. h. die psychische Wirkung derselben. Hier kommt die psychische Kraft der Farbe zutage, welche eine seelische Vibration hervorruft. Und die erste, elementare physische Kraft wird nun zur Bahn, auf welcher die Farbe die Seele erreicht." (W. Kandinsky, 1952, S. 59-61) Die Formen und Farben der Gemälde sind nach Kandinsky Ausdruck der inneren, geistigen Welt des Künstlers, genau wie die Kompositionen eines Musikers. Beim Betrachter, bzw. beim Hörer lösen die Farben und Formen emotionale und letztendlich geistige Prozesse aus. Die Kunst soll innere Schau und Reflexion bewirken (siehe auch die Wirkung der Farbe Blau). Kapitel vier: Der Expressionismus und die Zeitgeschichte Marc, der 1916 im Krieg fiel, wandte sich zusammen mit seinem Freund Kandinsky immer mehr der abstrakten Malerei zu. Kandinsky löste sich vollständig vom Gegenständlichen. Die Abstraktion der Form verband sie mit Malern des Kubismus wie Pablo Picasso, der 1904 mit dem Bild "Les Demoiselles d'Avignon" diese Stilrichtung eingeleitet hatte. Obwohl die Künstlervereinigung nur wenige Jahre existiert und nur zwei Ausstellungen durchgeführt hatte, übte sie einen entscheidenden Einfluss auf alle nachfolgenden Kunstrichtungen aus. In Österreich schrieb Oskar Kokoschka (1886-1980) expressionistische Lyrik und Prosa. Aufgrund seiner engen Verbindung zum Theater fertigte er zahlreiche Plakate und Bühnenbilder an. Er malte auch Städteportraits. Der deutsche Maler und Graphiker Max Beckmann (1884-1950) gehörte keiner Künstlergruppe an und schuf expressionistische Gemälde von deutschen Großstädten und zahlreiche Holzschnitte. Zu den Bildhauern, die expressionistische Plastiken schufen, gehörten z. B. Georg Kolbe (1877-1947) und Käthe Kollwitz (1867-1945), die 1933 von den Nationalsozialisten ein Arbeitsverbot erhielt und deren Werke wie viele andere Werke des Expressionismus zur sogenannten "entarteten Kunst" diffamiert wurden. Die expressionistische Literatur wurde z. B. von Else Lasker-Schüler vertreten, und in der Musik komponierten Arnold Schönberg und Igor Strawinsky expressionistische Stücke. Die Entstehung der Stilrichtung muss im Zusammenhang mit der Zeitgeschichte gesehen werden: "Expressionismus war die Antwort der Künstler auf die bedrohlich
gewordene Materialisierung und Reglementierung des Lebens. Mit kreativem
Zorn reagierten sie auf die wachsenden Gefährdungen, die sich aus
den sozialen Spannungen, kulturellen Konflikten und psychologischen Belastungen
ergaben, welche gerade in Deutschland festzustellen waren: Folgen des raschen
Übergangs vom bäuerlichen zum städtischen Leben, von der
handwerklichen zur industriellen Produktion und vom partikular- zum zentralstaatlichen
System (...) Expressionismus war die Empörung des Gefühls gegen
den kalten Mechanismus, der begonnen hatte, den Alltag zu bestimmen. Als
erste Kunstrichtung nahm er sich entschieden auch der gesellschaftlich
Benachteiligten, der Ausgestoßenen, Rechtlosen, Kranken und Hilfebedürftigen
an..." (Horst Richter 1997, S. 16-17)
Das Brücke
Museum Berlin (mit der bedeutendsten Sammlung)
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